Seiten

Sonntag, 27. Dezember 2015

Schweigen oder Sprechen? [Gedanken]

Schweigen oder Sprechen?

(Gedanken & Empfindungen nach erleben des Hashtags #WhyIsaidnothing) 


In letzter Zeit überlege ich schon wieder hin und her. Und her und hin. Ob und wie ich hier (im Blog) weiterschreiben kann, oder es auch sollte, ob ich es auch wirklich möchte und auf welche Art ich dies tun kann. Ich überlege, ob es nutzbringend für mich ist, mein Leben in kleinklein, für jeden nachweislich, zu schildern. 

Oder ob ich mir am Ende selbst damit schade. Weil, alles, was preisgegeben wird, den Blick der Menschen auf einen verändert, in die eine oder andere Richtung. Ein einschneidendes Erlebnis war der Hashtag #WhyIsaidnothing auf Twitter.

(zum weiterlesen bitte Link anklicken)

Auslöser war ein Artikel der Welt*, in dem rape culture (eine Kultur in der das Problem von Vergewaltigungen nicht offen und wertneutral aufarbeitbar ist) in unserer Gesellschaft verleugnet wird. Es war ein schrecklicher Artikel, (untermauert von den schrecklichen Worten einer abtrünnigen Feministin Amerika's und Professorin, namens Camille Paglia), in dem die polizeilich angezeigten Zahlen mit dem tatsächlichen Vorkommen von sexueller Gewalt in Relation gesetzt wurde.
(* "Das Schreckensmärchen der Vergewaltigungskultur" / Welt) 

Daraus entstand scheinbar eine Art Wunsch der öffentlichen Zurechtrückung. So kam es, dass Menschen twitterten, warum sie geschwiegen hatten. Was sie dazu gebracht hatte, über die erlittene Vergewaltigung zu schweigen. Ich fand das sehr mutig von ihnen. 

Und dann passierte der (aus meiner Sicht) worst case. Ein paar "kleine" Jungs stalkten den Hashtag und taten damit genau das, was einem schon während der Vergewaltigung geschieht. Sie übten Gewalt aus. In diesem Fall verbale Gewalt. Sie zogen die Äußerungen ins lächerliche. Sie erniedrigten und beleidigten, teilweise sehr persönlich und sehr ekelhaft und voll unter der Gürtellinie. 

Damit taten sie im Prinzip genau dasselbe wie der Vergewaltiger im Moment seines Tuns. Sie übten Gewalt aus. Um das darüber sprechen zu unterdrücken und dass bereits gesagte ins lächerliche zu ziehen und warfen den Betroffenen zudem frech Aufmerksamkeitshurerei vor. 

Ach, wirklich, ist das so? Wenn man sich irgendwann traut, wenn man es irgendwann schafft, endlich die Barrieren der Sprache zu überwinden und über ein erlebtes GewaltVERBRECHEN zu sprechen, dann ist man was? Ein Täter? Eine Aufmerksamkeitshure, die quasi sogar Leute zum zuhören zwingt? Als ob das überhaupt möglich wäre. So ein Unsinn! Denn, was ich nicht lesen will, muss ich nicht lesen, dem kann ich aus dem Weg gehen. 

Aber nein, diese Jungs gingen dem Thema nicht nur nicht aus dem Weg, einer tweetete gar, das man diesen Hashtag vergewaltigen müsse. (!!!) 

Bitte, was? In seinem Denken sollte also ein Gesprächsthema zu sexueller Gewalt, Gewalt erfahren. Diese Sicht-/Vorgehensweise ist erschreckend. 

Erst wird das Opfer zum Täter gemacht (zB mit dem Vorwurf der Aufmerksamkeitshure oder das man eine/e Lügner/in sei) und damit hat man dann, ach, wie praktisch, seinen persönlichen Grund, diesen vermeintlichen Täter wiederum zum Opfer zu erklären und zu machen. Schon ziemlich ekelhaft, diese Art und Weise des "passend Verdrehens". Anstatt auf den sauer zu sein, der vergewaltigt hat, ist man plötzlich sauer auf den, der vergewaltigt wurde, auf den, der nun offen darüber spricht und verunglimpft ihn. Statt den Blick auf Täter (oder Täterin) und die Tat zu richten. 

Leute, diese Denkart ist völlig verkehrte Welt. Das geht garnicht. Ein Opfer ist jemand, der/die etwas erlitten hat, und wenn der Betroffene dann endlich sprechen kann und möchte, lasst ihn (zum Teufel nochmal) frei sprechen! Hört ihm/ihr zu, lasst das Gesagte auf euch wirken. Tut was, damit sich solche Gewalterfahrungen nicht wieder und wieder wiederholen. Bereitet den Boden für Gespräche darüber, bietet Raum für Gespräche und Aufarbeitung an. Reflektiert euer eigenes handeln.

Und vor allem: bitte fangt nicht auch noch an, diktieren zu wollen, wo, wie und unter welchen Vorzeichen man über seine Erlebnisse oder Gedanken zu sprechen hat. Das braucht der, der sich öffnet, nämlich so sehr wie ein drittes Nasenloch. 

Es kann doch nicht im Interesse liegen, dass Menschen über schlimme Erlebnisse schweigen. 

Denn, was sagt dies aus über unsere Gesellschaft, wenn wir die Stimmen der Leidenden nicht hören wollen oder dies nicht ertragen können? Es bedeutet, wieder mal, dass unsere Gesellschaft scheinbar immer noch nicht in der Lage ist, sich einem schlimmen Thema, wie in diesem Fall der sexuellen Gewalt, zu stellen. 

Das sie es nicht hören und diskutieren will und es deshalb lieber ins lächerliche, abwertende zieht oder mit derben unempathischen Sprüchen zu unterdrücken versucht. Und das wiederum bedeutet, solange dies geschieht, sind wir in der Stagnation. Weiterhin. 

Trotz vieler guter Ansätze ist es immer noch nicht selbstverständlich geworden, die Grenzen (Gewalt ist ein elementare Grenze) des anderen zu achten und zu respektieren und sie eben nicht gewaltsam zu überschreiten, um sich wie ein Neandertaler zu "holen" wonach einem gerade ist. (Sry, liebe Neandertaler, vermutlich wart ihr garnicht so mies drauf, aber ich denke, der Leser versteht, was ich mit diesem Bild des ungebildeten Barbars des "Neandertaler's" sagen möchte.)

Wenn es also wirklich so ist, dass unsere Gesellschaft weiterhin nicht bereit ist für all dieses, für den offenen und ehrlichen Umgang mit Erlebnissen aus Missbrauch und Vergewaltigung, dann löst dies in mir eine mittlerweile wieder sehr vorsichtige Haltung im Umgang damit aus und ich frage mich; wie zu Anfang dieses Eintrages; ob ich über gewisse Geschehnisse überhaupt sprechen möchte, oder ob ich sie doch lieber dort lasse, wo sie schon lange sind. Tief in mir verborgen, unerreichbar für die Gesellschaft. 

Ich weiß noch nicht, wie ich mit dem Erlebnis dieses Hashtags auf Twitter umgehen kann und soll, aber eins kann ich schonmal resümieren: es hat mich wieder ein Stück weit tiefer in mein Schneckenhaus zurückziehen lassen. Und zwar nicht nur, was diese Thematik angeht, sondern ganz allgemein, was das Thema Geständnisse und Outings anbelangt. Und das ist, grundsätzlich betrachtet, eigentlich bedauerlich. 




Diese Beiträge sind mir, neben den vielen mutigen Tweets, besonders im Gedächtnis geblieben. 

Pat - 27.12.2015, 14:11-20:03h (inkl. Korrektur und Überarbeitung)

P.S.: zum Abschluss noch ein kleines Poem von mir (vom 26.12.2015) 

"Es ist nicht so, dass der, der schweigt, nichts zu sagen hätte - sondern vielmehr so, dass er Gründe hegt, die für das Schweigen sprechen."

---/

Tags: Gedanken, schweigen, sprechen, Gewalt, sexuell, verbal, Gesellschaft, victimblaming, Trolle, 

Keine Kommentare:

Kommentar posten